Wohnen im Alter und die Folgen für den Wohnungsbau
Es gibt heute erheblich mehr ältere Menschen als noch vor 50 Jahren. So hat sich die Zahl der über 64-Jährigen seit 1950 mehr als verdoppelt, jene der 80-Jährigen und älteren sogar gut vervierfacht. Die Zahl der unter 20-Jährigen hat dagegen viel weniger stark zugenommen, ist seit Anfang der 70er Jahre sogar rückläufig. Dieser Prozess ist Folge steigender Lebenserwartung und niedriger Geburtenhäufigkeit. Er wird sich, wie die Bevölkerungsszenarien des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigen, in den nächsten Jahrzehnten noch fortsetzen und dürfte zu erheblichen Problemen führen. Gleichzeitig wächst jedoch der gesellschaftliche Anspruch darauf, dass alle Menschen möglichst lange selbständig und in ihrer gewohnten Umgebung leben. Altersgerechte Wohnungen, ambulante Hilfen und die Stärkung von familiären und nachbarschaftlichen Beziehungen sind wichtige Voraussetzungen, um Selbständigkeit bis ins hohe Alter zu bewahren.
Ein Demographischer Wandel bedeutet auch ein Wandel des Anspruchs
Eine angemessene Wohnung ist für Senioren mehr als für andere Altersgruppen Grundlage der Lebenszufriedenheit. Besonders für den älteren Menschen steht das Wohnen im Mittelpunkt der alltäglichen Lebenserfahrung. Die Wohnung wird zum wichtigsten Lebensmittelpunkt. Seniorinnen und Senioren verbringen durchschnittlich mehr als vier Fünftel des Tages in der eigenen Wohnung oder im eigenen Garten. In der Schweiz wurde ein qualitativ und quantitativ hohes Wohnversorgungsniveau erreicht, das heisst der überwiegende Teil älterer Menschen verfügt über gute, altersadäquate Wohnbedingungen. In Deutschland ist das Niveau des Angebotes für Senioren ähnlich, zudem wurden hier in den letzten Jahren gesetzliche und politische Neuerungen angekündigt und teilweise auch umgesetzt. Insbesondere der Wohnraumkündigungsschutz stellt sicher, dass ältere Menschen möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können. Der Tausch einer Sozialwohnung gegen eine andere, zum Beispiel in der Nähe der Angehörigen gelegene Wohnung, ist für ältere Menschen unabhängig von der Einkommenshöhe erleichtert worden. Wohnzufriedenheit ist eine wichtige Voraussetzung für selbstbestimmtes Altern sowie gesellschaftliche Beteiligung der älteren Menschen. Deswegen soll das normale Wohnen unterstützt durch soziale, hauswirtschaftliche und pflegerische Dienste stärker gefördert werden.
Wohnformen und Sozialbeziehungen
Die übliche Wohnform im Alter ist das Wohnen allein oder zu zweit mit der/dem Partner/in. Die meisten sind mit ihrer Wohnsituation in objektiver und sozialer Hinsicht sehr zufrieden. Der Anteil der Heimpensionär/innen wird regelmässig überschätzt. In keiner Altersgruppe, auch nicht bei den 95-Jährigen, lebt eine Mehrheit im Heim. Trotzdem ist die individuelle Wahrscheinlichkeit, irgendwann im Laufe des Alterns in ein Alters- oder Pflegeheim einzutreten, insbesondere für Frauen sehr gross, in der Regel relativ kurze Zeit vor dem Tod. Das Zusammenwohnen mit Kindern oder anderen Personen (ohne Partner/in) hat in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen. Für Männer ist das Wohnen nur mit der Partnerin die Norm, für Frauen das Wohnen allein. Da die Ehefrauen ihre Männer in der Regel überleben, kommen sie weit häufiger in die Lage, allein einen Haushalt zu führen. Alleinwohnen ist nicht mit sozialer Isolation oder gar mit Einsamkeit zu verwechseln. Die Mehrheit allein wohnender alter Menschen verfügt über gute Kontakte mit Angehörigen, Freund/innen und Nachbarn. Ambulante Dienste ermöglichen das Alleinwohnen vermehrt auch bei eingeschränkter Selbständigkeit. Trotz dem vermehrten Alleinleben haben sich weder die familären noch die ausserfamiliären sozialen Netze älterer Menschen aufgelöst im Gegenteil: Mehr alte Menschen haben heute Angehörige anderer Generationen (Kinder, Enkelkinder). Auch qualitativ bleiben die familiären Netze tragfähig; die Kontakte sind eher intensiver geworden. Durch die bessere Gesundheit können Grosseltern eine aktivere Rolle gegenüber Enkelkindern übernehmen.
Neuere Studien in der Schweiz zeigen, dass sich auch das Freundschaftsnetz eher verdichtet hat: Der Anteil von Menschen ohne enge Freundschaftsbeziehung hat sich fast halbiert. Soziale Isolation ist bei älteren Menschen die Ausnahme trotzdem erhöht sich das Risiko mit steigendem Alter, da sich dann bereits früher vorhandene Defizite stärker auswirken und da Freunde und Angehörige sterben; Verluste, die etwa bei Vorhandensein depressiver Symptome schwierig zu kompensieren sind.
Lebensstil und gesellschaftliche Teilnahme
Viele ältere Menschen leisten unbezahlte Arbeit für die Gesellschaft, insbesondere auch für andere (noch) ältere Menschen. Seniorengruppierungen haben in der Regel Geselligkeit, Selbsthilfe und Hilfe zum Ziel. Sie fördern die Beziehungen und die Solidarität zwischen den Generationen.
Die Aktivität der älteren Generation hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen; sowohl was die individuelle Freizeitgestaltung als auch sozial partizipative und prosoziale Tätigkeiten betrifft. Dies wird einerseits auf höhere soziale Kompetenzen, andererseits auf die bessere Gesundheit zurückgeführt; beides klare Kohorteneffekte. Wer bereits in früheren Jahren aktiv war, behält diesen Lebensstil auch im Alter möglichst lange bei. Umgekehrt werden sich Inaktive im Alter kaum zu neuen Betätigungsfeldern anregen lassen. Im hohen Alter wird eine aktive Lebensgestaltung zunehmend schwieriger, die Grenze hat sich indessen nach oben verschoben.
Es wird geschätzt, dass 55- bis 74-Jährige in der Schweiz rund 35 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit pro Jahr leisten, entsprechend einem Gegenwert von 500 Millionen Franken. Nimmt man Haus-, Familienarbeit und informelle Hilfe dazu, erhöht sich die Schätzung auf 17 bis 26 Milliarden Franken. Das Potential an zusätzlichen Arbeitsleistungen von jungen Alten ist beträchtlich. In Befragungen geben sehr viele an, dass sie unter geeigneten Bedingungen bereit wären, Dienste anzubieten. In der Praxis leisten Frauen bisher deutlich mehr freiwillige Arbeitsstunden innerhalb und ausserhalb der Familie als Männer. Höchstens ein Viertel der Rentner/innen sind heute Mitglieder in einer Seniorengruppe oder einem Rentnerverband; Tendenz zunehmend. Eine einheitliche Seniorenbewegung aber gibt es nicht. Die Organisationen engagieren sich auch für die Rechte der Älteren, nicht aber gegen die Jungen; daneben bilden sie eine wichtige Basis für Freiwilligenarbeit.
Die verschiedenen Wohnformen
Wohnkonzepte der Zukunft müssen auch die Gestaltung der näheren Wohnumgebung, die Verkehrsanbindung, die Erreichbarkeit von Einrichtungen für die tägliche Versorgung sowie die Verfügbarkeit von Hilfs- und Pflegediensten berücksichtigen. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie ältere Menschen auf Hilfen zurückgreifen können, um ihnen ein selbständiges Wohnen im Alter zu ermöglichen. Dabei werden die speziellen Bedürfnisse der Senioren und der individuelle Hilfebedarf berücksichtigt.
Wenn man schon viele Jahre an einem Ort gelebt hat, dann hängt man an der vertrauten Umgebung, den Nachbarn und Freunden und an den eigenen vier Wänden; das geht sicherlich nicht nur älteren Menschen so. Was aber kann man tun, wenn die Kinder aus dem Haus sind und die Wohnung auf einmal zu gross ist, so dass man sie nicht mehr alleine instand halten kann? Was kann man tun, wenn die Wohnung renovierungsbedürftig ist und/oder dem Alter entsprechend zweckmässig angepasst werden muss? Was kann man tun, wenn man darüber hinaus krank und pflegebedürftig ist, wobei die Pflege und Versorgung durch die sogenannten ambulanten Dienste nicht mehr ausreicht? Nicht selten entsprechen die Wohnungen älterer Menschen nicht (mehr) ihren altersbedingt veränderten Bedürfnissen. Was früher wenig störte, kann im Alter hinderlich, ja sogar gefährlich, weil unfallträchtig, sein: Wacklige Möbel und Geräte, ausgetretene Treppen mit schlechten Geländer, kleine Vorleger, schlechte Beleuchtung und Installationen etc. Wenn das Leben in der eigenen Wohnung zum Problem wird gibt es mehrere Alternativen:
Schweizweit gibt es ambulante Dienste, die ein selbstbestimmtes Wohnen unterstützen. Die Hilfen reichen von der Wartung der Wohnung über die Bereitstellung von Mahlzeiten bis hin zu Pflegediensten bei Krankheit. Betreutes Wohnen, eine Wohnform zwischen selbständigem Wohnen und Wohnen in einem Heim, wurde in den vergangenen Jahren immer beliebter. Hilfs- und pflegebedürftige Menschen werden dabei in ihrem Wunsch unterstützt, solange wie möglich in ihrer eigenen Wohnung bleiben zu können. Durch ein flexibles Betreuungsangebot kann auf sich wandelnde Hilfsbedarfslagen reagiert werden. Die Spannweite der Betreuungsleistungen reicht von einfachen handwerklichen oder hauswirtschaftlichen Hilfen bis zu einer mit der Betreuung in einer stationären Einrichtung vergleichbaren Pflege.
Altenwohnheime bieten eigene abgeschlossene Wohnungen für ältere Menschen mit der Möglichkeit, mit anderen Mitbewohnern gesellig zusammenzukommen und an gemeinsamen Diensten, zum Beispiel Wäscherei, Mahlzeiten, Beratungen oder Fusspflege, teilzuhaben. Im Bedarfsfall erhalten sie zusätzliche Pflege und Betreuung.
Altenheime stehen älteren Menschen offen, die keinen eigenen Haushalt mehr führen können oder wollen, aber nicht unbedingt pflegebedürftig oder bettlägerig sind. Im Altenheim erhalten sie nicht nur Unterkunft, Verpflegung und ärztliche Betreuung, sondern auch ein umfangreiches Freizeitangebot und neue soziale Kontakte. Dauernd pflegebedürftigen Menschen stehen Altenpflegeheime zur Verfügung. Hier bekommen sie umfassende Betreuung und Versorgung. Dabei kommt es vor allem darauf an, den Allgemeinzustand zu verbessern und die verbliebenen Kräfte zu erhalten und zu stärken.
Eine Altenwohnung ist eine abgeschlossene Wohneinheit, die in Ausstattung und Einrichtung auf die speziellen Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten ist. Sie bietet alle Voraussetzungen für eine weitgehend selbstbestimmte und unabhängige Lebensführung. Der ältere Mensch versorgt seinen Haushalt selbständig. Bei Bedarf ist auch eine ambulante Versorgung und Betreuung möglich. Bei der betreuten Altenwohnung kann bei Bedarf eine spezielle hauswirtschaftliche und leichtpflegerische Betreuung in Anspruch genommen werden. Von Ausnahmen abgesehen (z.B. Pflegewohnen) kann eine betreute Altenwohnung in der Regel jedoch nicht in vollem Umfang und auf Dauer die stationäre Pflege in einem Altenpflegeheim ersetzen.
Mehrgenerationenwohnen: Viele ältere Menschen wünschen sich in der Nähe ihrer Kinder und Enkelkinder zu leben, nicht jedoch in der gleichen Wohnung (innere Nähe bei äusserer Distanz). Beim sogenannten Mehrgenerationenwohnen handelt es sich um ein flexibles, den sich änderenden Wohnbedürfnissen entsprechendes Wohnungsangebot, das ein Zusammenleben mehrerer Generationen in unterschiedlicher Weise ermöglicht.
Im Allgemeinen kann man sagen, dass die verschiedenen Wohnformen sich alle ähnlichen Kriterien unterwerfen:
- Sie muss Privatheit ermöglichen. - Sie muss den Bewohnern einen bestimmten Grad an materiellem und sozialem Gestaltungsfreiraum belassen. - Ihre Benutzbarkeit darf nicht auf kurze Frist beschränkt sein, um den Haushaltsmitgliedern eine Stabilisierung der Verhaltensweisen zu ermöglichen. - Sie muss die Auswählbarkeit der sozialen Kontakte sicherstellen.
Stellt man nun das Altersheim als Wohnform anhand dieser Kriterien der Normalwohnung gegenüber, ergeben sich wesentliche Unterschiede, die für das Phänomen der Diskontinuität mitverantwortlich sein können:
Zum ersten ist Privatheit, selbst in Einzelzimmern, aus Arbeitsorganisations- und Sicherheitsgründen nur bedingt möglich. Zum zweiten sind sowohl der materiellen wie auch der sozialen Gestaltbarkeit im Altersheim Grenzen gesetzt. Zum dritten sind soziale Kontakte mit Mitbewohnern und Personal durch den Betriebsablauf weitgehend vorgegeben, selbst wenn sie als unerwünscht betrachtet werden.
Wohnungen wie Altersheime sind immer auch Bestandteil grösserer Siedlungsgebilde, die durch Art und Umfang ihrer Struktur wesentlichen Einfluss auf den Lebenvollzug der dort lebenden Menschen haben und damit Wohnwert und Wohnerlebnis beeinflussen können.
Private Wohnungen und Einfamilienhäuser können als Hauptwohnform für ältere Personen in der Schweiz angesehen werden, leben doch rund neun von zehn Betagten in einer solchen Wohnsituation.
Für rund jeden vierten ist eine Wohnung im Erdgeschoss ohne Schwierigkeiten erreichbar oder es besteht ein Lift. Dieser Teil der Wohnungszugänge kann als alters- und behindertengerecht bezeichnet werden. Jeder Dritte muss, um seine Wohnung zu erreichen, mehr als zwei Stufen hinaufsteigen, die restlichen erreichen ihre Wohnung erst nach Ueberwindung mehrerer Treppen. Dies kann aber auch in Spitälern und Altersheimen der Fall sein, was sowohl den Aktivitätsgrad wie auch die Kontaktintensität beeinträchtigt.
Zufriedenheit
Fasst man die Zufriedenen zusammen, dann erweisen sich rund vier von fünf Betagten als zufrieden und einer von zwanzig als unzufrieden. Eine andere Reihenfolge ergibt sich bei den Unzufriedenen, sind sie doch bei den Spitälern rund viermal und in Altersheimen fast doppelt so häufig anzutreffen wie bei den privat Wohnenden. Den gleichen Trend sieht man auch bei der Kontaktfreudigkeit, die bei den privat Wohnenden deutlich höher ist.
Strukturveränderungen
Massgeschneiderte Hilfsangebote und rechtzeitige Anpassung des persönlichen Wohnumfelds an die Bedürfnisse des Alters können einen Verbleib in der angestammten Umgebung absichern. Barrierefreies Bauen und Wohnen erleichtert es dabei den älteren Menschen, täglich anfallende Besorgungen besser zu erledigen. Wohnstrukturen müssen kommunikativ wirken und die Funktionen sozialer Netze stützen. Wohnungen innerhalb eines Wohnviertels sollten nach Lage, Grösse und Ausstattung so aufeinander abgestimmt werden, dass sowohl junge Familien als auch Familien mit heranwachsenden Kindern sowie ältere Menschen dort geeigneten Wohnraum finden. Damit wird die Kommunikation zwischen den Generationen erleichtert und Verständnis füreinander geschaffen. Hierauf ist die Gesellschaft in den nächsten Jahren in besonderer Weise angewiesen.
Zu den sichtbaren Strukturveränderungen des Alters gehört jene Entwicklung der Haushaltsform betagter Menschen, die oft mit dem Stichwort Singularisierung des Alters bezeichnet wird. Damit ist der in allen westlichen Ländern feststellbare Trend zum Alleinleben im Alter bezeichnet. Der Anteil der betagten Personen, die in einem Ein-Personen-Haushalt leben , ist in den letzten zwei Jahrzehnten extrem angestiegen. Dahinter verbergen sich zwei Tendenzen: Zum einen steigt mit zunehmendem Alter der Anteil alleinlebender Personen, primär weil sich das Risiko eines Partnerverlustes erhöht. So sind im Alter von 80-84 Jahren gut 25% der Männer und sogar 60% der Frauen verwitwet, und verwitwete Betagte leben mehrheitlich allein. Mit der Erhöhung der Lebenserwartung steigt die Zahl alleinlebender Betagter kontinuierlich an. Zum anderen lässt sich feststellen, dass der Anteil Alleinlebender in allen Altersgruppen zugenommen hat. Höhere Scheidungsziffern führen zu mehr allein lebenden Rentner/innen. Zudem vermögen dank Verringerung der Altersarmut und Ausbau der spitalexternen Alterspflege betagte Alleinlebende länger in ihrer privaten Wohnung zu verbleiben, womit ein bertritt in ein Alters- und Pflegeheim hinausgezögert wird. Gleichzeitig hat sich der Anteil von Betagten, die bei ihren erwachsenen Kindern leben bzw. von Kindern, die bei ihren betagten Eltern verbleiben, weiter verringert. Erweiterte Familienhaushalte, aber auch kollektives Wohnen sind zur Ausnahme geworden. Alterswohngemeinschaften fallen, trotz erfolgreicher Modelle, zumindest zahlenmässig (noch) nicht ins Gewicht.
Das Wohnen im eigenen Privathaushalt bleibt für Betagte die bevorzugte Wohnform. Die selbständige Haushaltsführung in der eigenen Wohnung stellt für viele Betagte ein zentrales Element ihrer sozialen Unabhängigkeit dar. Das Aufgeben des eigenen Haushaltes bedeutet oft das offene Eingeständnis der vollständigen Hilfsbedürftigkeit. In diesem Sinne ist Singularisierung ein Prozess, der eng mit der Betonung individueller Autonomie im Alter verhängt ist. Der Begriff der Singularisierung ist allerdings insofern irreführend, als er eine Vereinzelung und Vereinsamung betagter Menschen suggeriert. Inwiefern die Aufsplitterung der Haushalte tatsächlich mit sozialer Isolation oder Einsamkeit einhergeht, ist umstritten. Vorhandene Studien zeigen jedoch, dass Wohnen in einem Ein-Personen-Haushalt nicht von vornherein mit Isolation oder Einsamkeit gleichgesetzt werden kann. Das Wohnen im eigenen Haushalt besitzt für viele allein stehende Betagte den wichtigen Vorteil, dass persönliche Unabhängigkeit und Kontakte mit Angehörigen, Freunden oder Bekannten individuell kombiniert werden können.
Die klischeehafte Vermutung, dass der steigende Anteil allein lebender Betagten eine verstärkte Vereinzelung und Vereinsamung im Alter einschliesst, lässt sich deshalb generell nicht bestätigen. Viele ältere Alleinlebende sind und bleiben umfassend in ein Netz familiärer und ausserfamiliärer sozialer Beziehungen integriert. Man erkennt deutlich, dass das Wohnen im Alter an Bedeutung zunimmt. Einerseits verbringen Betagte viel mehr Zeit in der Wohnung als in früheren Lebensphasen, andererseits gewinnen Einrichtungs- und Ziergegenstände mit zunehmender Wohndauer an Erinnerungsträchtigkeit und emotionalem Gehalt und vermitteln dadurch ein Geborgenheits- und Heimatsgefühl.
Da die soziale Identität und Integration von der Wohnstabilität und der Konstanz sozialer Bezugsnetze beeinflusst werden, muss die Aufrechterhaltung selbständiger Lebensführung in den angestammten Räumlichkeiten gesichert und ausgebaut werden. Denn bei zunehmender Gebrechlichkeit bedürfen ältere Menschen oft nur einzelne Dienstleistungen, um noch eine gewisse Zeit länger in ihrer vertrauten Umgebung zu leben. Der Schaffung fehlender und der Koordination bestehender Dienstleistungen, allenfalls in Verbindung mit einem Alterszentrum, kommt daher grosse Bedeutung zu. [Zurück]
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