Kulturelle Unterschiede im Wohnen
Grossstädte entstehen und wachsen durch Zuwanderung. Seit jeher ziehen Städte Menschen an, die Arbeit suchen. Der erweiterte Zugang zu Mobilität ermöglicht die Einwanderung aus weit entfernten Regionen der Welt. Den Migrantinnen in der Stadt stehen aber nicht alle Tore offen. Sie verteilen sich auf ganz bestimmte Gebiete in der Stadt und beanspruchen ganz andere Flächen.
Migration, geschichtliche Einbettung
Im Laufe der Geschichte sind die Menschen immer gewandert, wobei die Gründe sich dem geschichtlichen Kontext angepasst haben. Ein- und Wegzüge aus Städten sind kein neues Phänomen. Sie begleiten uns die ganze Menschheitsgeschichte hindurch.
In der Prähistorie gab es wesentlich zwei Migrationsbewegungen. Einerseits gab es nomadische Gesellschaften, die so genannten Sammler und Jäger. Diese waren nicht sesshaft und für die Geschichte der Städte weniger relevant, jedoch seien sie hier der Vollständigkeit halber erwähnt. Auf der anderen Seite fallen in diese Epoche die ersten primitiven Kolonisationen. Erste Siedlungen entstehen verteilt auf der ganzen Welt, hierbei zeigt der Mensch eine erstaunliche Fähigkeit sich verschiedenartigen Umgebungen anzupassen.
In der Antike entstehen grosse Imperien, die bis ins Mittelalter hineinreichen. Als bekanntestes Beispiel sei hier das römische Reich genannt mit seinen grossen Siedlungsgründungen. In diesem Zeitraum fanden grosse Völkerwanderungen statt. Ganze Völker bewegten sich im Raum begleitet von ihrer Kultur und ihren Institutionen. Wesentliche Auswanderungsgründe waren die Suche nach günstigeren Wohngegenden, aber es spielten auch technische Gründe eine Rolle, so zum Beispiel die Überlegenheit im Kampf dank besseren Waffen.
Während dem merkantilistischen Zeitalter von 1500 bis 1800 bildet sich ein weltweites Handelsnetz heraus. Der Grundstein für die heute so viel genannte Globalisierung wird gelegt. Europa expandiert und baut ein Machtsystem auf. Die Welt wird zweigeteilt in Ländern, die Rohstoffe liefern und Arbeitskräfte und Ländern, die diese Rohstoffe verarbeiten und sich die billigen Arbeitskräfte zunutze machen. Es fallen hier drei Migrationsbewegungen auf.
Kolonisationen
Bauer, Händler, Soldaten, Missionare ziehen in neue Gefilde um dort ganz neue Gesellschaften/Siedlungen/Städte aufzubauen. Sie vermischen sich mehr oder weniger mit der ansässigen Bevölkerung.
Erzwungene Migration
Sklavenhandel von Afrika nach Amerika vor allem für die Arbeit in den Plantagen.
Landflucht
Städte ziehen massenweise Leute aus dem Land an, die sich eine bessere Zukunft erhoffen.
Die Entstehung der grossen europäischen Städte fällt jedoch in das industrielle Zeitalter von 1815 bis etwa 1950. Es findet ein struktureller Wandel statt und ehemals agrarwirtschaftlich orientierte, dörfliche Gesellschaften wandeln sich in industrielle, urbane Gesellschaften um. Hygiene Massnahmen und neue Landbewirtungssysteme bewirken einen Anstieg der Bevölkerung. Eine Landflucht erfolgt. Die Städte wachsen und werden grossflächig urbanisiert.
Es ereignet sich gleichzeitig eine zweite grosse Bewegung: Die massive und freiwillige Auswanderung von Arbeitermassen nach Übersee. Man schätzt, dass zu dieser Zeit um die 60 Millionen Europäer ausgewandert sind um neue Länder zu kolonisieren und zu industrialisieren.
Ab 1950 entsteht eine neue Landkarte von internationalen Migrationen. Europa ist nicht mehr das Auswandererland und wandelt sich zum Aufnahmeland. Länder wie Deutschland oder die Schweiz beginnen die Migrationsflüsse zu regeln. Gastarbeiter werden ins Land gelassen mit temporären Verträgen. Mit der Zeit ziehen die Familien dieser Gastarbeiter nach und sie werden in den Gastländern sesshaft. Diese Migrantinnen in der Schweiz kommen vorwiegend aus Italien, Spanien, Portugal, der Balkanregion und der Türkei.
Das Phänomen der Segregation
Als Segregation wird in der Soziologie die gesellschaftliche Absonderung einer Bevölkerungsgruppe nach bestimmten sozialen Merkmalen verstanden. Die Absonderung kann die gesamte Existenz umfassen oder einzelne Lebensbereiche. Es wird zwischen einer freiwilligen Segregation unterschieden, in der sich die Angehörigen der segregierten Gruppe absichtlich absondern und einer erzwungenen Segregation in der den meist relativ statusniedere Bevölkerungsgruppen der Zugang zu sozial höher bewerteten Gruppen verwehrt wird. Segregation ist somit auch Ausdruck sozialer Ungleichheit.
Es können im Hinblick auf benachteiligte Bevölkerungsgruppen auch auf Vorteile einer Segregation verwiesen werden. Sie soll eine Solidarisierung innerhalb der Gruppe begünstigen und die Organisation der Interessen, die Bildung eigener Institutionen wie etwa kulturelle Vereine fördern. Je mehr aber eine segregierte Gruppe abgegrenzt wird, desto stärker erhöht sich ihre Auffälligkeit für andere. Infolgedessen nehmen Vorurteile und Diskriminierungen ihr gegenüber wieder zu.
Ausländer in der Aufnahmegesellschaft
Migranten werden von der Aufnahmegesellschaft als eine Gruppe wahrgenommen, denen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Dies beeinflusst ihre Handlungsmöglichkeiten und führt nachhaltig zu kulturellen Unterschieden im Wohnen. Um diesen Sachverhalt zu verstehen muss man sich nachfolgende Ursachen vor Auge führen:
Demographische Struktur
Die Interessen der ersten Zuwanderergeneration sind zu Beginn auf hohe Sparleistungen gerichtet, deshalb sind sie bereit in einer vorübergehenden Lebensphase schlechte Unterbringung zugunsten einer geringeren Mietbelastung hinzunehmen.
Subjektive Orientierungen
Mit dem Nachzug der Familie und den Eintritt der Kinder in die Schule merken Migrantinnen, dass ihr Aufenthalt allmählich zu einem Dauerhaften wird. Damit normalisieren sich ihre Wohnvorstellungen und sie zeigen sich mehr und mehr unzufrieden mit ihrer Wohnsituation.
Mietzahlungsfähigkeit
Ausländer sind überwiegend in niedrig qualifizierten Industrie- und Dienstleistungsberufen beschäftigt und daher auch schlechter bezahlt. Die durchschnittliche ausländische Familie ist grösser, mehr Personen müssen unterhalten werden, es besteht ein grosser Druck an der Miete zu sparen. Die Nachfrage der Ausländer nach Wohnraum ist daher pro Kopf mit weniger Kaufkraft verbunden.
Die dargelegten Ursachen für eine schlechtere Wohnungsversorgung von Ausländern sind der sozialen Lage von Zuwanderern zuzuschreiben. Es gibt jedoch auch strukturelle Mechanismen des Wohnungsmarktes, welche gerade Ausländer in schlechtere Wohnungsbestände hineinführen.
Regionale Wohnungsmärkte
In der ersten Phase sind Ausländer auf die Unterstützung von Bekannten und Verwandten angewiesen. Sie ziehen demzufolge meist in dicht besiedelte Gebiete, wo die Ausländerkonzentration bereits gross ist. Dort treffen sie auf angespannte Wohnungsmärkte.
Schichtzugehörigkeit
Schichtzugehörigkeit spielt eine erhebliche Rolle bei der Wohnungsversorgung. Dieser Faktor ist aber unabhängig von der Nationalität.
Wohndauer
Da Ausländer meistens später in eine Wohnung einziehen, müssen sie einen höheren Preis in Kauf nehmen als die langjährigen Mieter des gleichen Hauses. Die essentiellen Unterschiede im Wohnen von Ausländerinnen und Ausländern kommen im Wesentlichen durch ihre soziale Lage zustande. Die höhere Belegung der Wohnungen kann auf den Zustand zurückgezogen werden, dass in ihren Herkunftsländern die Bevölkerungspyramide noch ausgeglichener ist Es werden mehr Kinder geboren. Es wandern vor allem junge Menschen aus, welche im besten Alter sind um eine Familie zu gründen, was sie aufgrund der finanziellen Sicherheit, die ihnen das Aufnahmeland bietet, auch tun. Mit der Abfolge der Generationen wird sich dieser Zustand ändern. Die zweite und die dritte Generation von Ausländerinnen und Ausländer wird sich nicht mehr mit der Wohnsituation ihrer Eltern zufrieden geben und andere Wohnansprüche besitzen, weil sie andere Aussichten und Bedürfnisse hat. Die kulturellen Unterschiede im Wohnen werden über die Generationen hinweg verschwinden. [Zurück]
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