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04. February 2012
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Förderung von Quartiersidentität  [PDF Download]


Bereits zu Beginn der siebziger Jahre hat in ganz Europa ein Erwachen der Quartiere und des Quartierbewusstseins stattgefunden. Bürgergruppen bildeten sich, die aktiv Verbesserungen im Quartier durchführten. Sie schufen bessere Spielmöglichkeiten für die Kinder, interessierten sich vermehrt für die Schule, entdeckten die alte Bausubstanz im Quartier und begannen sich für die Erhaltung von Bäumen, Grünanlagen und Gärten einzusetzen: Stadterneuerung der kleinen Schritte. Der Enthusiasmus für den kleinen, überschaubaren Bereich, für Dezentralisierung und für das Überwinden der Passivität und staatsbürgerlicher Abstinenz wurde in dieser Zeit deutlich und hatte auch eine Wiederbeleben und eine Stärkung alter Quartierstrukturen, wie etwa der Quartiersvereine, zur Folge.

Die Problematik scheint hinreichend bekannt zu sein: Bestehende Quartiere sollen aufgewertet werden um das Wohnen in der Stadt und in den stadtnahen Vororten wieder attraktiv zu machen. Zu lange hat man tatenlos zugesehen, wie vor allem Familien mit Kindern die städtischen Wohnungen verlassen haben und sich auf dem Land angesiedelt haben (Städtisches Wohnen im Grünen). Wie könnte man diese Bewegung stoppen, wie könnte man die Menschen zurück in zentrale, urbane Zonen zurückholen bzw. sie dort halten.


Überlegungen zur Quartiersidentität

Es ist allgemein bekannt, dass städtische Quartiere unterschiedliche Charakter haben. Dafür gibt es mehrere Ursachen. Zum Einen spielen die geographische Lage, der Bodenpreis und das Image eines Quartiers eine grosse Rolle, zum Anderen werden Quartiere auch durch die Arbeitsplätze vor Ort oder naturräumliche Gegebenheiten, wie der Anschluss an Grünanlagen/Natur geprägt. Viele dieser Faktoren können ausschlaggebend sein, dass ein Quartier dann schliesslich zum Arbeiterquartier, Bonzenviertel oder Ausländerquartier wird. Es erscheint jedoch wichtig zwei Faktoren zu unterscheiden. Einerseits wird der Charakter eines Quartiers von aussen geregelt (z.B. Mietpreise/ Stadtplanung), zum Anderen aber gibt es die individuellen, inneren Entscheidungen des Einzelnen für oder gegen ein Wohnquartier (z. B. Image/ persönliche Vorliebe). Im Folgenden möchte ich die Frage untersuchen, was Identität mit der Wohnumgebung ausbildet. Dabei sind sicher zunächst die sozialen Faktoren zu nennen. Soziale Kontakte zur Nachbarschaft stärken sowohl die Identifikation mit dem Wohnquartier an sich, als auch mit den Menschen. Dazu gehören auch Begegnungen auf der Strasse, kleine, überschaubare Läden und gemeinsame Aktionen. Es hat sich gezeigt, dass das Kämpfen für gemeinsame Ziele, zum Beispiel den Anschluss an das öffentliche Verkehrsnetz, die Identität ungemein erhöht. Identität entsteht folglich dann, wenn man in einem Quartier lebt, Verantwortung übernimmt und nicht nur wohnt. Die Sozialkontakte werden überdurchschnittlich oft als der entscheidende Punkt für eine hohe Identifikation genannt. Auch die Wohnzeit in einem Quartier wird entscheidend dazu beitragen, wie hoch man sich mit eben diesem identifizieren kann. Quartiersidentität im Sinne von Heimat entsteht also auch dann, wenn sich das Individuum zu Hause fühlt, seine Wurzeln spürt, dort aufgewachsen ist.

Ein weiterer interessanter Faktor zur Ausprägung einer Identität besteht im Ausdruck einer Lebensform oder besser: Lebensauffassung, Philosophie die einem bestimmten Quartier attestiert werden. Beispielsweise die Künstler- und Intellektuellenviertel in verschiedenen Grossstädten. Es finden sich symbolische Bezüge die dies belegen. Beispielsweise links alternative, ökologisch orientierte Charakter durch Symbolträger wie Solargarage, Null-Energiehäuser, autofreie Strassen und ähnliches. Gerade in multikulturellen Quartieren ist es wichtig identitässtiftende Massnahmen zu initiieren. Von entscheidender Bedeutung für die Qualität des gesellschaftlichen Miteinanders ist das Zusammenleben im Stadtteil. Bereicherndes Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft ist keine Utopie.

Neben den sozialen Formen spielen auch räumliche Faktoren zur Herausbildung von Identität eine wichtige Rolle. Dabei werden vor allem die positive Beurteilung der Architektur und der Umwelt genannt. Nur dort, wo es einem gefällt, wird man sich wohl fühlen, sich mit dem Wohnumfeld identifizieren. Letztlich sollten praktische Faktoren hinsichtlich der Identifikation nicht vernachlässigt werden. Eine gute Infrastruktur (Läden, Schulen, Verkehrsanschluss, etc.) sind ebenso Grundlage für identitätsbildende Prozesse wie ein fairer Miet- bzw. Bodenpreis.

Was wäre demnach zu unternehmen, um die Quartiersidentität zu erhöhen? Im Rahmen der UNESCO Weltdekade für kulturelle Entwicklung wurde ein Kongress zum Thema Culture in the Neighbourhood durchgeführt. Auch hier befasste man sich mit der Frage, wie sozio-kulturelle Arbeit im Stadtteil neue Konzepte entwickeln kann, die sich der veränderten Realität stellen und verstärkt auf die Förderung von Eigeninitiative und aktiver Teilnahme setzen. Es wird unterschieden in den sozialen, den räumlichen und den praktischen Bereich.

Im Sozialbereich ist eine Förderung der sozialen Kontakte anzustreben. Diese sind zum Beispiel zu erreichen durch ein gutes Gastonomieangebot, durch gute Einkaufsmöglichkeiten, einem Quartiersmarkt und ähnlichen Einrichtungen. Auf der Ebenen des geforderten Engagements, wären Quartiersverwaltungen, gemeinsam nutzbare Quartiershäuser, Versammlungen und Feste anzustreben. Aus guten sozialen Kontakten innerhalb eines Quartiers können Projekte wie gemeinsame Kinderbetreuung, gemeinsames Bauen, gemeinsamer Besitz (z.B. von Autos, car sharing) erwachsen. Im Rahmen des Wohnumfeldes ist eine Optimierung zu fordern. Architektonisch sollten Bauweisen gewählt werden, die die sozialen Kontakte, wie sie oben gefordert werden, begünstigen. Insgesamt ist eine schöne (dass dieser Begriff individuell starken Schwankungen unterliegt weiss man) Architektur von Neubauten zu fordern. Renovierungen sollten mit Gefühl für den ursprünglichen Charakter durchgeführt werden. Immer wieder wird in der Literatur die Einbindung der Natur ins Wohnumfeld gefordert. Schlussendlich wir die Identifikation auch durch eine möglichst perfekte infrastrukturelle Ausstattung erhöht werden.

Was ist folglich ein intaktes Wohnquartier? Zeichnet ein Wohnquartier mit hoher Identität sich aus durch stimmige Nachbarschaftsbeziehungen, ästhetische Architektur, gute Versorgungs- und Infrastruktureinrichtungen, Leben auf der Strasse und Mitverantwortung seitens der Bewohner? Ist ein nicht-intaktes Quartier entgegengesetzt dazu gekennzeichnet durch soziale Brennpunkte, Kriminalität, Vereinsamung und Anonymität, Schlafstädte bzw. Geschäftsviertel, die beide zu bestimmten Tageszeiten vollkommen menschenleer sind, Umweltbelastung, Lärm und Gestank, schlechter Architektur?
Und wie grenzt man dagegen das gute Wohnquartier gekennzeichnet durch hohe Einkommen seitens der Bevölkerung, Sozialprestige und Image- ab?

Wie bereits erwähnt gibt es innere und äussere Faktoren, die eine Quartiersstrukturierung auslösen können. Gerade im Bereich der äusseren, findet man immer wieder Hinweise, dass diese gezielt eingesetzt wurden, um eine Homogenität der Gruppe zu erreichen. Beispielsweise kann ein Quartier das neu erschlossen wird, von Seiten der Stadtplanung zielgenau auf junge Familien konzipiert werden. Die gute Ausstattung mit Kindergärten, Schulen ist ein erster Pull Faktor, mit geeigneter Architektur (4 und mehr Zimmer Wohnungen) würde ein weiterer Schritt in diese Richtung getan. Schliesslich könnte eine gute Natur An- und Einbindung die Entscheidung weiter steuern. Auch im Bereich der inneren Faktoren ist die Tendenz veranlagt, dass es innerhalb der Quartiere zu einer Gesinnungssortierung kommt. Ganz nach der These gleich und gleich gesellt sich gern entsteht dann eine hohe Identität mit dem Quartier, wenn die Mitbewohner gleiche oder ähnliche Ansichten vertreten, die gleichen Interessen haben, dem gleichen Beruf nachgehen. Kann Gleichartigkeit in einem oder mehreren Merkmalen (Arbeitsplatz, finanzielle Situation, Alter, Staatsangehörigkeit, politische Gesinnung, etc.) die Identität eines Quartiers erhöhen? Oder sollte gerade dies nicht angestrebt werden. Sind gemischte Wohnquartiere zu fordern, um eine Ghettoisierung zu vermeiden, um eine allzu starke Abgrenzung nach aussen zu verhindern? Müsste nicht gerade das Ziel eines Quartiers sein, über die Verschiedenheiten des Alltags hinweg Identität zu stiften. Gerade die gelungene Integration verschiedener Lebensstile, Herkünfte und Ideologien ein Quartier beleben kann und bei gelingender Toleranz eine Quartier das Prädikat lebendig verleihen kann. In diesem Zusammenhang ist auch die Förderung interkultureller Lebensqualität im Wohnbereich und im Stadtteil zu sehen.

Schlussfolgernd daraus wäre der gemeinsame Wohnort einzige Gemeinsamkeit und sollte identitätsstiftend genug sein. Die Homogenität würde über die Gemeinsamkeit Wohnquartier bestimmt.


Zwei Thesen

Es ist ein Trend zu beobachten, der versucht das Dorf in die Stadt zu holen Gegenwärtig auf verschiedenen Gebieten (Wohnumfeld/sozialer Bereich) Anzeichen zu erkennen, die diese These bestätigen. Im Bereich des Wohnumfeldes sind die Bestrebungen nicht zu übersehen die versuchen, das Umfeld in diesem Sinne aufzuwerten. Der Forderung nach mehr Grün in der Stadt wird immer mehr nachgekommen. Grünanlagen werden forciert geplant und in die Wohnbereiche integriert. Daneben ist eine Verkehrsverminderung zum grossen Ziel erklärt worden. Bestes Beispiel hierfür bilden die autofreien Quartiere. Ruhig, Grün und städtisch soll nicht länger ein Gegensatz sein.

Grosswohnungen werden neuerdings gefragt. Kann man hieraus einen Trend zum zurück in die Stadt ableiten? Zumindest wenn man sich verdeutlicht, dass bis vor kurzem die Möglichkeit eine grössere Wohnung / ein Haus zu haben als Grund angeführt wurde, ins Grüne zu ziehen. Im Bereich des Wohnumfeldes ist der Trend zumindest festzumachen an den Bemühungen Grün in die Stadt zu holen und grossflächiges Wohnen in der Stadt zu ermöglichen - beides ehemals Charakteristika des Wohnen im Grünen.
Deutlicher aber tritt das Phänomen des Quartier als Dorf in der Stadt im sozialen Bereich zu Tage. Die Entwicklung wird wohl dahin gehen, dass die klassischen dörflichen Sozialformen (z.B. gute Nachbarschaft, keine Anonymität, Lebensmittelpunkt im Quartier) übertragen werden, auf ein Leben im städtischen Quartier. Vielleicht kann man diese These noch ergänzen. Das städtische Dorf bietet eine weltoffenere dörfliche Sozialform die frei ist vom provinziellen Mief und trotzdem die Intimität einer dörflichen Gemeinschaft beinhaltet.

Ergänzt wird das dörfliche Leben der Quartiere durch die angenehmen Aspekte eines urbanen Lebens. Die da beispielsweise kultureller oder infrastruktureller Art sind. Wobei gerade der Quartierskultur neue Wege, die den Menschen von heute Gelegenheit gibt, sich im Rahmen ihres Stadtteils musisch zu betätigen - neue Chancen eröffnet. Folgt man dieser These, so bliebe die Frage: Für was braucht man noch die Stadt ? Und es ist wirklich eine noch nicht geklärte Frage, ob die soziale Pluralität die die Stadt bietet, überhaupt noch erwünscht ist. (Vergleiche: Homogenität der Wohnquartiere). Sicher scheint, dass die Stadt als Dienstleistung weiterhin grosse Attraktivität besitzen wird. Dies vor allem im Bereich der Infrastruktur (Kindergärten, Schulen, Einkauf, Kultur, Verkehrsanbindung). Zu analysieren bliebe die Frage, ob der Wunsch in der Stadt zu wohnen tatsächlich aufgrund des urbanen Charakters zu Stande kommt, oder ob es vielmehr ein dörfliches Leben im Quartier mit den Vorteilen der Stadt ist, das die Menschen zurück in die Wohnquartiere locken soll.


Gemeinschaftliche Wohnformen sind wieder im Trend

In Zukunft wird die gemeinschaftliche Wohnform wieder populärer. Gerade in neu entstehenden Wohnquartieren ist das zu beobachten. Die Architektur will um jeden Preis das Erimitenklima im Wohnquartier verhindern. War vor wenigen Jahren noch der Vorwurf an den Architekten gewesen er habe im Vorausdenken zu wenig getan, um dazu beizutragen, dass sich das Kommunikationsnetz in unseren Wohnquartieren wieder enger knüpft... so sind in heute entstehenden Neubauten diese Fehler nicht mehr zu beobachten. Ziel ist es die Nachbarkontakte nicht mehr im Schatten viel vitalerer, übernachbarlicher und familiärer Beziehungen zu stellen, sondern die Kommunikation zwischen den einzelnen Wohnparteien zu ermöglichen, ja zu forcieren.

Auch aus einem anderen Blickwinkel wird diese Wohnform begünstigt. Die aufgrund ökonomischer Überlegungen und Platzknappheit gewählte enge Neubauweise fordert gerade gemeinschaftliche Nutzung. Nur wer in gutem Sozialklima zu seinen Nachbarn wohnt, wird sich mit dieser Bauweise identifizieren können. Gemeinschaftliche Nutzung birgt hier viele Vorteile im Sinne der Synergieeffekte. Es ist eben nicht mehr so, dass die Nachbarschaft das Zusammenhandeln der benachbarten Haushalte nicht mehr braucht und ihr Nebeneinanderleben nach Feierabend bei hinreichender Distanz meist unproblematisch ist. Vielmehr ist die Tendenz zu einem traditionellen Nachbarschaftsbegriff zu beobachten: Nachbarschaft ist immer funktional. Nur wo man auf den Nachbarn angewiesen ist, macht man von ihm als Nachbarn Gebrauch.

Auch im Rahmen der beobachteten Umnutzungen alter Industrieareale zu Wohngebieten ist diese Trends festzustellen. Gemeinschaftsräume, gemeinsame Keller und Gartennutzung etc. sind folglich nicht nur Platzersparnis, sondern gleichzeitig Basis für eine bessere Kommunikation und letztlich Identität der Bewohner mit ihrem Wohnquartier. Auch durch die gesamtgesellschaftlichen Entwicklung in Städten ist diese Wohnform viel mehr gefördert als verhindert. Intakte Quartiere, Nachbarschaften, Wohnprojekte können die ursprüngliche Grossfamilie ersetzen. Das Quartier ist also jene Grösse, jener Rahmen, in dem das erhalten wird oder wieder entstehen kann, was wir mit Verwurzelung, Heimat, Geborgenheit umschreiben. Das Quartier ist nicht das Ghetto, aus dem wir nicht herausfinden, sondern ein sicherer Hafen, von dem aus wir uns in grössere Gewässer wagen. Es hat deshalb mehr als früher die Funktion dem Einzelnen die Identität zu ersetzen, die er früher über Familie oder Beruf für sich definieren konnte.

Die gemeinschaftliche Wohnform ist also eine der heutigen Lebenssituation angepasste Wohnform: Single - aber doch in einer gewissen Gemeinschaft integriert. Sie bietet alle Möglichkeiten des Rückzugs, aber auch die positiven Komponenten der Gruppe. Dies gilt übrigens sowohl für jüngere als auch für ältere Menschen. In den letzten Jahren konnte der Trend zum daheim arbeiten beobachtet werden. Auch in diesem Kontext erfährt das Wohnen eine neue Bedeutung. Die sozialen Kontakte am Arbeitsplatz fallen weg, gemeinschaftliche Wohnatmosphäre stellt hier eine Möglichkeit dar, der drohenden Vereinsamung durch arbeiten zuhause zu entgehen. Daneben geht sie einher mit der zu beobachtenden Auflösung der klassischen Rollenverteilung. Es gibt nicht mehr die Mutter / Vater Aufteilung, sondern im Rahmen gemeinschaftlichen Wohnens werden andere Formen gefunden die mehr Freiraum ermöglichen. (z.B: gemeinsame Betreuung der Kinder mehrerer Familien, Hausmänner). Auch im praktischen Bereich wird das gemeinschaftliche Wohnen mit Arbeitsteilung (z.b. Einkauf), Güterteilung (z.B. Auto) wieder populär werden. In gemeinschaftlichen Wohnprojekten, wie wir sie auch in Wohngenossenschaften finden, steigt die Identität mit dem Projekt enorm an, da hier die Selbstverwaltung und Selbstgestaltung, generell die Mitverantwortung das Zugehörigkeitsgefühl enorm steigern.  [Zurück]

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